Mutant Chronicles: Starter Set
24.März 2009 Markus Pohlmann
Nach langer Zeit des Wartens steht das Mutant Chronicles Collectible Miniatures Game endlich in einer schmucken Box in den Läden. Für die deutsche Fassung zeichnet der Heidelberger Spieleverlag verantwortlich.
Der am häufigsten diskutierte »Collectible«-Aspekt wurde verworfen, und man hat die Möglichkeit, genau die Figuren zu kaufen, die man für seine Armee benötigt. Ansonsten haben sich fast alle Gerüchte bestätigt, und es handelt sich tatsächlich um ein Spiel mit vorbemalten Kunststofffiguren im 54mm-Maßstab, das durch seine ungewöhnlichen Spielmechanismen überrascht. An der Hintergrundstory des Mutant Chronicles-Universums hat sich im Vergleich zu den früheren Auflagen des Spiels nicht viel geändert.
Die menschlichen Großkonzerne wie Bauhaus oder Imperial ringen um die Vorherrschaft im Sonnensystem, die dämonische Bedrohung durch Algeroth oder Ilian wächst stetig und unterwandert die von den Menschen besetzten Welten. Lediglich die mit psychischen Kräften ausgestattete religiös-fanatische Bruderschaft versucht sich dem entgegenzustellen.
In der Starter Box stehen sechs Figuren zur Verfügung, mit denen man seine ersten Schritte auf dem Schlachtfeld machen kann. Die drei Figuren der menschlichen Capitol-Fraktion – ein Free Marine Soldier, der Ranger Elite und ein Martian Banshee Sergeant – eignen sich hauptsächlich für schnelle, gezielte Einsätze statt lang anhaltende Feuergefechte mit schwer gepanzerten Gegnern oder gar Nahkämpfe. Die Dämonen von Algeroth können diesem Team den Necromutant Defiler, einen Technomancer und einen Ezoghoul entgegenstellen. Diese Truppe ist etwas schwerfälliger, verfügt aber sowohl im Nah- als auch Fernkampf über ein enormes Zerstörungspotential.
Die Figuren sind im 54mm-Maßstab modelliert und besitzen Hexbasen, um die Bewegung auf dem Spielplan und die Bestimmung von Sichtlinien zu vereinfachen. Jede Figur verfügt über eine Referenzkarte, die alle spielrelevanten Angaben wie Lebenspunkte, Bewaffnung und etwaige Sonderaktionen enthält. Eine weitere wichtige Komponente sind die Kommandokarten, die es den Figuren ermöglichen, besondere Manöver einzusetzen. So können zum Beispiel die Bewegung gesteigert oder bereits erlittene Verletzungen geheilt werden. Die Kommandomarken legen die Anzahl der Aktionen fest, die eine Figur innerhalb einer Spielrunde ausführen kann.
Auch die Würfel sind außergewöhnlich. So steht jeder Figur eine bestimmte Anzahl Würfel für Angriffe und Aktionen zur Verfügung. Rote und gelbe Würfel beschreiben die Nahkampffertigkeiten, grüne und blaue das Potential im Fernkampf.
Es liegt ein doppelseitige bedruckter großformatiger Spielplan bei. Das Spielfeld ist in Hexfelder unterteilt, und Elemente wie Deckung oder unpassierbares Gelände wurden hier schon berücksichtigt.
Im 32-seitigen Regelheft wird neben den einfachen und fortgeschrittenen Regeln auf die richtige Taktik beim Zusammenstellen der Truppen und das Erstellen von Szenarien eingegangen. Den Abschluß bilden dann noch verschiedene Marker, wie z.B. für Verwundungen oder Missionsziele.
Mutant Chronicles kommt mit einigen ungewöhnlichen Neuerungen daher, die von den gängigen Tabletops abweichen, aber dem Spieler ganz eigene Herausforderungen bieten.
So ist das System der Armeezusammenstellung ausgesprochen einfach, dennoch wirkungsvoll und individuell. Jede der drei Einflußgrößen des Spieles – Figuren, Kommandokarten und Befehlsmarken – wurde eine von drei Farben – Gold, Silber oder Bronze – zugewiesen. Eine Skirmish-Truppe setzt sich so aus neun Komponenten zusammen, jeweils drei Gold, drei Silber und drei Bronze. Dem Spieler ist es jetzt selbst überlassen, wie er seine Truppen zusammenstellt: Qualitativ hochwertige Figuren gehen zu Lasten der Kommandokarten, und eine hohe Anzahl Befehlsmarken schwächt die Schlagkraft der Truppe. Die genaue Ermittlung der richtigen Zusammenstellung erfordert Fingerspitzengefühl und Übung.
Nicht wirklich neu, dafür aber bewährt ist die Bewegung auf dem Hexfeld-Spielplan. Dadurch entfällt das Messen, und Bewegungen, Sichtlinienbestimmung und Fernkampf können schnell abgewickelt werden. Zu Beginn einer Runde teilt der Startspieler zwei seiner Figuren eine Befehlsmarke zu und wickelt diese direkt ab, anschließend ist sein Gegner an der Reihe. Dies wird so lange fortgesetzt, bis jede Figur einmal an der Reihe war. Während eine Figur aktiviert ist, kann sie, abhängig von der Art der Befehlsmarke, bis zu drei Aktionen ausführen. Die Bewegung beträgt i.d.R. vier Felder. Angriffe – gleich ob Nah- oder Fernkampf – werden mittels den beiliegenden sechsseitigen Sonderwürfeln abgewickelt. Diese Würfel haben Schadenssymbole zwischen 0 und 2 und geben außerdem die Genauigkeit wieder, mit der ein Angriff trifft – von 0 bis 8. Jeder Figur stehen die auf ihrer Karte angegebenen Würfel zur Verfügung. Diese haben je nach verwendeter Angriffsart und Waffe unterschiedliche Farben. So haben Nahkampfwürfel zwar nur eine geringe Genauigkeit, dafür durchschnittlich einen höheren Schaden.
Um einen erfolgreichen Angriff auf einen Gegner auszuführen, wird die Entfernung zwischen den beiden Figuren bestimmt und dann mit der entsprechenden Anzahl der Würfel ein Wurf durchgeführt. Sollte zumindest einer der Würfel die erforderliche Entfernung angeben oder übertreffen, so gelingt der Angriff. Nun werden die gewürfelten Schadenssymbole addiert und von den Lebenspunkten des Gegners abgezogen. Verliert eine Figur ihren letzten Lebenspunkt, so wird sie als Verlust vom Spielfeld entfernt.
Spezialfertigkeiten sind von Figur zu Figur verschieden und ermöglichen meist besondere Kampfmanöver, die einen Vorteil gegenüber den gegnerischen Truppen bringen. Abschließend hat jeder Spieler die Möglichkeit, pro Runde eine seiner Kommandokarten einzusetzen und damit den Spielverlauf entscheidend zu beeinflussen. Der Einsatz dieser Karten sollte wohlüberlegt sein, da man sie pro Spiel nur einmal verwenden kann und die Effekte durchaus spielentscheidend sein können.
Nach jeder Runde wird überprüft, ob einer der Spieler die für das Szenario benötigten Siegpunkte erfüllt und somit der Gewinner ist.
Es gibt drei Spielmodi. Das Skirmish endet bei neun Siegpunkten, hier hat man die drei Komponenten je dreimal zur Verfügung. Für den Tournament Mode benötigt man 30 Siegpunkte bei je zehn Komponenten. Für wirklich gewaltige Schlachten steht der Epic Mode mit 150 Siegpunkten und je 90 Komponenten zur Verfügung. Siegpunkte bekommt man entweder für das Vernichten gegnerischer Einheiten oder das Besetzen und Halten von Objekten, wobei es je nach Rang des Gegners unterschiedliche Siegpunkte zu erringen gibt.
Wie bei den meisten Tabletops fallen zuerst die Figuren ins Auge. Hier hat Fantasy Flight sehr gute Arbeit geleistet. Die in der Starter Box enthaltenen Figuren sind durchweg ansprechend modelliert, besitzen dynamische Posen und sind ansehnlich vorbemalt.
Die übersichtliche Anleitung enthält genug Beispiele, damit man sich schon nach einmaligem Lesen direkt im Spielgeschehen zurechtfindet, lediglich die häufigen Hinweise auf den zwischenzeitlich überholten sammelbaren Aspekt des Spieles irritieren doch ein wenig. Ein schöner Bonus sind die kompletten Referenzkarten der Figuren für die erste Veröffentlichungswelle. So hat man die Möglichkeit, neue Figuren zuerst im Spielgeschehen auszutesten bevor man sie sich zulegt.
Die Qualität der übrigen Spielmaterialien wie Marker oder Karten kann das hohe Niveau halten, das man schon von den Brettspielen des Herstellers gewohnt ist. Das System zur Armeezusammenstellung kommt ohne viel Rechnerei aus und geht schnell von der Hand. Doch bietet es genug Freiraum, um seine Truppe exakt auf den eigenen Spielstil und den Gegner abzustimmen und so eine ganze Reihe von Strategien zu entwickeln.
Das Würfelsystem kann schon nach kurzer Eingewöhnungszeit überzeugen, macht es doch das Nachschlagen in Tabellen oder Regelbüchern überflüssig.
Fantasy Flight Games legt mit Mutant Chronicles ein ungewöhnliches Tabletop vor, das aber auf Grund seiner neuartigen Spielmechanismen, seiner taktischen Freiheit und seiner schicken Figuren überzeugt und das man sich als Tabletop-Spieler zumindest angesehen haben sollte. Nebenbei sollte auch noch die umfangreiche Unterstützung erwähnt werden, die das Spiel mit Taktik-Ratgebern, Zusatz-Missionen und allerlei anderen Dingen auf der Homepage des Herstellers erfährt.
Tags:Heidelberger Spieleverlag, Mutant Chronicles
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